Beiträge vom Februar, 2011

Das gallige Dorf

Sonntag, 27. Februar 2011 11:15

Travemünde. Die Lübecker Bürgerschaft hat mit Stimmen von SPD, Grünen und Linken sowie den fraktionslosen Bürgerschaftsmitgliedern Klaus Voigt und Dr. Hildegund Stamm beschlossen, den Kurbetrieb Travemünde »organisatorisch auf seine hoheitlichen Aufgaben« zurückzuführen. Was das in der Praxis bedeutet, darüber wird jetzt hinter den Kulissen verhandelt. Ganz öffentlich sind die Proteste in Travemünde. Die Travemünder Politik steht, bis auf die Grünen, geschlossen hinter dem Kurbetrieb. Auch gegen die Meinung ihrer Lübecker Kollegen.

Der Lübsche Adler will dem Travemünder Kurbetrieb an den Kragen. Foto: HELGE NORMANN

Der Lübsche Adler will dem Travemünder Kurbetrieb an den Kragen. Foto: HELGE NORMANN

Gegen ein Aufgabenreduzierung oder Auflösung des Kurbetriebs stimmten CDU, FDP und BfL, konnten sich aber nicht durchsetzen. Der CDU-Kreisvorsitzende und Chef des CDU-Ortsverbandes Travemünde Ulrich Krause sowie die gesamte Travemünder CDU sehen schwierige Zeiten aufs Ostseebad zukommen: „Die Abwicklung des Kurbetriebes oder auch nur seine Schwächung bringt keine erkennbare Kostenersparnis“, heißt es in einer Mitteilung des CDU-Ortsverbandes. „Sie schadet Travemünde und der örtlichen Tourismusentwicklung. Gefragt ist vielmehr eine Stärkung des Kurbetriebes und eine Bündelung aller touristischen Zuständigkeiten für das Ostseebad in einer Hand und deren Verankerung in Travemünde.“

Das sieht auch Thomas Schapke, Travemünder Stadtteilverbands-Vorsitzender der „Bürger für Lübeck“ (BfL) so: „Der Kurbetrieb sowie der Kurbetriebsausschuss müssen erhalten bleiben, damit die Interessen Travemündes vor Ort gewahrt bleiben“, so Thomas Schapke, Vorsitzender des Stadtteilverbandes. Er will den Kurbetrieb sogar gestärkt sehen, das Veranstaltungsbudget von der LTM zum Kurbetrieb zurückübertragen.

Hans Kröger, FDP-Mitglied im Travemünder Ortsrat, bezweifelt, dass durch den Beschluss Geld gespart wird: „Es ist klar zu erkennen, dass dieses Vorhaben mit dem Haushalt nichts zu tun hat. Es ist nicht zu erkennen, wo etwas gespart werden soll, weil Doppelstrukturen nicht zu erkennen sind und Entlassungen damit ausdrücklich nicht verbunden sein sollen. Es geht einzig darum, dem Kurbetrieb seine Selbständigkeit zu nehmen. Hinweise darauf gab es schon vorher. Positive Nachrichten, die aus dem – Aufbruch Travemündes in das 21. Jahrhundert – (Zitat) resultieren, in das wir uns ohnehin schon mit 10 Jahren Verspätung in Bewegung setzen, lassen sich so auch besser einheitlich verbuchen.“

Wolfgang Hovestädt, Vorsitzender der SPD Travemünde, empfiehlt einem Blick in das Touristische Entwicklungskonzept (TEK): „Nach meiner Meinung muss eine funktionierende Tourismusorganisation vor Ort sein. Deshalb arbeite ich an einem Konzept, um dies Lübeck gegenüber zu untermauern. Dies auch auf der Basis von TEK! Die Lübecker sollten sich dieses Papier, dass sie doch verabschiedet haben, noch einmal in aller Ruhe ansehen. Kurz gesagt: Die Voraussetzungen, Urlaubern etwas zu bieten, muss in der Hand des / eines Kurbetriebes liegen, die Vermarktung sollen dann Fachleute machen.“

Jens Michaelis (LINKE) erinnert an die Erfahrungen aus vorausgegangenen Strukturänderungen: „Mir fällt in letzter Zeit oft ein kleines gallisches Dorf ein. Man sollte begangene Fehler nicht wiederholen und verschlimmern sondern sie korrigieren. Touristik in Lübeck und in Travemünde unterscheiden sich doch sehr und anhand der eigenständigen Ostseebäder sieht man welche Chancen nicht genutzt werden.“

Einzig Carl Howe (GRÜNE) meint, er sei zwar „schon ein bisschen überrascht“ von der Entscheidung, sieht aber keine Probleme: „Ich weiß nicht, ob es für Travemünde so schlimm ist, wenn der Kurbetrieb aufgelöst wird.“ Er könnte dem positive Aspekte abgewinnen, wenn nun alles besser gemanaged wird. Howe: „Ich denke, der Krubetrieb hätte sich viel mehr engagieren müssen“. Etwa für die Aula der Stadtschule. Oder die Stadtteilbibliothek, die möglicherweise geschlossen werden soll. „Da muss man sich stärker machen.“
Was nicht heißt, dass Howe „auf Linie“ mit seiner Partei in Lübeck ist. Er kämpft gegen die Bebauung des Travemünder Grünstrandes, ein Projekt, dem rot-rot-grün zugestimmt hat…HN

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