Beiträge vom Juli, 2010

„Der Ortsrat hat seine Zeit gehabt“

Donnerstag, 29. Juli 2010 17:25

Travemünde. Ende August rollt der Umzugswagen vor. Richard Schrader, lange Zeit Vorsitzender der Gemeinnützigen Vereins zu Travemünde und des Travemünder Ortsrates, hatte sich schon 2008 ins Private verabschiedet. Jetzt zieht er fort aus Travemünde, zu seinen Kindern in die Nähe von Bremerhaven. Im Interview spricht er über seinen Rückzug aus der Politik, was er von den heutigen Verhältnissen hält und was er für die Zukunft Travemündes erwartet.

„Energie in eine Sache stecken, bei der sowieso nichts rauskommt“: Richard Schrader zum Thema Ortsrat. Foto: HELGE NORMANN

„Energie in eine Sache stecken, bei der sowieso nichts rauskommt“: Richard Schrader zum Thema Ortsrat. Foto: HELGE NORMANN

Frage: Herr Schrader, Sie waren lange Ortsratsvorsitzender, Lange Vorsitzender des Gemeinnützigen Vereins zu Travemünde, sind demnächst erstmal weg aus Travemünde, wenn Sie so auf Ihr Lebenswerk zurückblicken, was haben Sie erreicht?

Richard Schrader: Was habe ich erreicht? Jedenfalls den Versuch unternommen, in Travemünde das Leben etwas lebenswerter zu machen. Dass viele Travemünder und die Politik da nicht mitgespielt haben, steht auf einem anderen Stück Papier.

Frage: Der Ortsrat, das ist ja auch mit Ihr Kind, will sich Mitte des Monats erklären, wie es denn nun weitergeht. Die GRÜNEN sind raus, die SPD ist raus, müssen Sie sich da eine Träne verkneifen, wenn Sie sehen, wie das da zugeht?


Richard Schrader:
Nein, ich möchte nun nicht mit Ole von Beust reden, alles hat seine Zeit. Der Ortsrat hat seine Zeit gehabt. Die Politik hat leider nicht erkannt, dass der Ortsrat eine Plattform ist, wo man in einer pluralistischen Gesellschaft Mehrheiten für die Entwicklung eines Ortes den Menschen von den Lippen ablesen kann. Aber die Politik hat wahrscheinlich Angst davor gehabt, dass sie diese Mehrheiten dann auch hätte umsetzen müssen, und deswegen hat sie den Ortsrat so stiefmütterlich behandelt.
Wenn sich heute Politische Gremien, Politische Parteien, Interessengemeinschaften aus dem Ortsrat zurückziehen, dann haben nach meinem Dafürhalten diese Leute kein Demokratieverständnis. Dann hätte man einfach sehen müssen, wenn man als Minorität antritt, dann muss man für seine Sache kämpfen und muss Mehrheiten schaffen. Das ist Demokratie. Aber den Schwanz einzuziehen und zu sagen, ich zieh mich da wo ich meine Meinung laut äußern kann zurück, das hat mit Demokratie nichts mehr zu tun.


Frage:
Wenn Sie jetzt per Göttlicher Fügung morgen wieder Ortsratsvorsitzender wären, würden Sie den Laden noch mal zusammenkriegen? Was würden Sie machen? Oder würden Sie sagen, nee, ich lös hier alles auf?

Richard Schrader: Ich würde heute für diesen Posten nicht mehr antreten. Weil einfach mit der Erfahrung, die ich in den Jahren gemacht hab, heißt es Energie in eine Sache stecken, bei der sowieso nichts rauskommt. Solange die Lübecker Politik sich nicht ganz offen für einen Ortsbeirat erklärt, und den auch dementsprechend gestaltet, sehe ich keine Chance für den Ortsbeirat in Travemünde.


Frage:
Also müssen wir in Travemünde jetzt resignieren? Oder was sollen wir machen?


Richard Schrader:
Nein, die Travemünder sollten Alternativen suchen. Vielleicht wäre es ja dann doch noch mal was für ein Kind, was ich vor 15 Jahren mal auf den Markt geschmissen habe: Die WUT zu gründen. Die Wählergemeinschaft unabhängiger Travemünder. Und dann einfach mal den etablierten Parteien zeigen, hallo, wir wählen mal unsere eigenen Leute, und versuchen dann unseren eigenen Weg zu gehen, wenn Lübeck nicht mehr mitspielt.


Frage:
Für Sie ist das Thema Politik völlig vorbei oder werden Sie in ihrem neuen Wohnort vielleicht noch mal irgendwo einsteigen.

Richard Schrader: Das Thema Politik ist für mich gegessen. Ich habe also, wenn wir bei dem Begriff Zeit bleiben, ich habe meine Zeit investiert und ich habe gemerkt, dass die Gesellschaft heute engagierte Leute nicht unbedingt haben möchte. Und dann zieht man sich zurück. Das ist auch nicht irgendwo, jetzt mit John Steinbeck zu sprechen, ein Blick zurück im Zorn. Sondern ich geh positiv in eine neue Zukunft, und da freu ich mich drauf.


Frage:
Nun weiß man ja nicht, was passiert, manche kehren ja doch im Alter wieder zurück. Wenn Sie jetzt in 15 oder 20 Jahren nach Travemünde zurückkommen, was werden Sie dann hier vorfinden?

Richard Schrader: Travemünde wie es heute ist. Es wird sich mit absoluter Sicherheit nichts verändern. Ob ich noch mal nach Travemünde zurückkomme, das weiß ich nicht. Aber wenn meine Kinder in 25, 30 Jahren nach Travemünde kommen um hier vielleicht ihr Rentner-Dasein zu fristen, dann nehme ich an, dass sie Herrn Petersen und Herrn Reinhardt an der Priwall-Fähre treffen, wie die darüber diskutieren, ob die Gosch-Halle nun doch gebaut werden soll und ob das Aqua-Top abgerissen werden soll. Und vielleicht ist ja dann auch die Idee, die Paul-Brümmer-Straße wieder durchzubauen, neu aufgelebt, wie es schon zu Zeiten meines Vaters war.

ENDE

Thema: Text-Archiv | Kommentare deaktiviert | Autor: