Kein Gespräch länger als 6 Minuten

Ratekau. Als die Bahn kommt, ist es für Simone Broos vorbei mit dem Nickerchen auf der Gartenliege: Die Gleise verlaufen nur wenige Meter hinterm Gartenzaun, es hört sich an, als würde der Zug quer durch den Garten fahren. Auch Gespräche müssen dann unterbrochen werden, es ist einfach zu laut. Die Familie hat das natürlich gewusst, als sie hier eingezogen ist, Kinder und Kaninchen haben sich längst an die rund 50 Züge pro Tag gewöhnt. Mit der Brücke von Fehmarn nach Dänemark werden es aber 200 bis 220 Züge. Dann bleibt die Gartenliege wohl im Keller.

Wenn der Zug hinterm Kaninchenstall vorbeirauscht, müssen die Menschen ihre Gespräche unterbrechen. Foto: HELGE NORMANN

Wenn der Zug hinterm Kaninchenstall vorbeirauscht, müssen die Menschen ihre Gespräche unterbrechen. Foto: HELGE NORMANN

Im Januar 1998 dachte Simone Broos, sie könnte mit ihrer Familie in ihrem Haus in Ratekau wohnen, bis sie zu alt sind, um allein zu leben. Weil ihr Mann bei Dräger in Lübeck arbeitet und sie näher an die Stadt wollten, waren sie 1998 aus dem Kreis Segeberg nach Ratekau gezogen. Bekannte hatten den Tipp gegeben, dass hier ein Haus frei wird: Sackgassenlage im Grünen, und Ratekau liegt zentral. Der Preis ließ sich noch verhandeln, die Bahnschienen verliefen ja praktisch hinter dem Gartenzaun, aber der laute Güterzugverkehr war ein Jahr zuvor eingestellt worden. Sonst hätten sie nicht gekauft. Vielleicht war das ein wenig zu blauäugig.

Als sich zehn Jahre später die fünf Bürgermeister-Kandidaten für Ratekau in öffentlicher Runde vorstellen, hat Simone Broos schon von der Problematik um den Schienenverkehr im Zusammenhang mit der geplanten Brücke nach Dänemark gehört. Ursprünglich kommt sie von der Insel Fehmarn, wo schon länger die Diskussion läuft, da hat sie vielleicht einen kleinen Informationsvorsprung. Auf ihre Frage, ob die Kandidaten eine Ahnung hätten, was in Ratekau passiert, wenn die feste Fehmarnbelt-Querung kommt, geraten die meisten ins Schwimmen. Der heutige Bürgermeister Thomas Keller antwortet noch am offensten, verspricht, sich zu informieren. Die Pläne um die milliardenteure Brücke nach Dänemark, die „Feste Fehmarnbelt-Querung“ waren natürlich lange bekannt. Aber die „Hinterlandanbindung“, sprich der anschwellende Zugverkehr im Zusammenhang mit der Brücke, war damals noch kein Thema. In Ratekau nicht und auch nicht in den Nachbargemeinden. Das ändert sich erst, als die Bahn am 15. September 2008 in Scharbeutz über das Projekt informiert. Und richtig, als im März 2009 die „Trassenvarianten“, der mögliche Verlauf der Bahnschienen, veröffentlicht werden.

Damals, als sie zuerst von der Brücke hörte, hat Simone Broos gedacht, das wird nicht kommen, die Länder sind pleite, soviel Geld kann man doch nicht ausgeben. Ein bisschen denkt sie das heute auch noch, aber die zukünftige Brücke hat bereits ihre Auswirkungen auf die Familie: Sie haben Angst, dass sich das Haus zu dem 1998 bezahlten Preis nicht mehr verkaufen lässt. Sie können nicht umziehen, Familie Broos muss mit der Brücke leben und mit dem Verlaust an Lebensqualität. Bis die Brücke fertig ist, wird es zwar noch ein paar Jahre dauern, und bis die Schienen verlegt sind noch mal ein paar. Aber dann, bei 200 bis 220 Zügen am Tag, wird kein Gespräch mehr als sechs Minuten dauern. So oft fährt dann ein Zug vorbei, hat Simone Broos sich ausgerechnet. Ein paar Meter hinter dem Gartenzaun, gefühlt mitten durch den Garten. Sie hofft, dass die Bahn wenigstens einen ordentlichen Lärmschutz baut. Oder, am liebsten, dass es überhaupt nichts wird mit der Brücke. HN

Autor:
Datum: Mittwoch, 7. Juli 2010 7:06
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Text-Archiv

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Kommentare und Pings geschlossen.

Keine weiteren Kommentare möglich.