Jede Nacht ein Boot
Donnerstag, 31. Dezember 2009 9:20
Travemünde. Ein unheimlicher Gedanke: Auch während Künstlerin Anja Es ihr Interview mit Kapitän Stefan Schmidt hielt, wird irgendwo da draußen auf den Meeren wieder ein Schlauchboot mit hungernden und frierenden Flüchtlingen unterwegs gewesen sein. Kapitän Schmidt ist mit der Geschichte der „Cap Anamur“ weltberühmt geworden und macht jetzt auf das Schicksal der Flüchtlinge, deren Reise oft tödlich endet, aufmerksam.

Kapitän Stefan Schmidt gab Anja Es im Rahmen einer Benefiz-Veranstaltung in der Travemünder Künstlerei ein Interview zum Thema „Cap Anamur“. Foto: HELGE NORMANN
In der Alten Vogtei hatte Künstlerin Anja Es zunächst anschaulich so eine Flucht aus Sicht eines 19jährigen Flüchtlings beschrieben. Mit der Flucht vor Krieg, Elend und Gewalt übers Meer. Und wie die Flucht endet: Das kleine Schlauchboot „untergepflügt“ von einem Kreuzfahrt-Schiff, das davon nicht einmal etwas merkt. „Ich möchte fast annehmen, dass fast jede Nacht ein Boot überfahren wird“, meinte Kapitän Stefan Schmidt.
Schmidt hatte sich für die „Cap Anamur“ entschieden, weil es ihn reizte, mal etwas anderes zu tun. Den Kauf des Schiffes zu begleiten, den Umbau mit komplettem Krankenhaus an Bord, dann immer unterwegs zu sein in der Welt, da wo die Not am größten ist. So ist er in das Thema „Flüchtlinge“ hineingerutscht, für das er auch jetzt als Pensionär für den Verein „Borderline Europe e.V.“ noch unterwegs ist.
Weil er 27 Menschen aus einem Schlauchboot rettete, was seine Kapitänspflicht war, wurde Schmidt in Italien „Menschenhandel“ vorgeworfen. In seinem Vortrag berichtete Kapitän Schmidt von Scheinangriffen, die die Italienische Marine auf die „Cap Anamur“ gefahren hätte. Und von einem Telefongespräch mit dem Deutschen Botschafter in Italien. „Ich kann diese 27 Menschen jetzt doch nicht für immer an Bord behalten“, hätte Schmidt dem Botschafter gesagt. Der hätte nur gelacht und gemeint „Das müsst ihr wohl“, erzählte er. Von den „Cap Anamur Boys“, wie sich die Flüchtlinge, die in ihre Heimat abgeschoben wurden, selbst nennen, hat Kapitän Schmidt nur noch zu einem Kontakt. Der warnt seine Landsleute davor, übers Meer zu fliehen. Ein anderer, der es noch mal versucht hat, ist ertrunken.
Die Geschichte der „Cap Anamur“ hat bewirkt, dass sich heute mehr Leute für das Thema interessieren. Kapitän Schmidt hofft, dass so öffentlicher Druck entsteht. „Meistens habe ich es so erlebt, dass Politiker nur dann etwas tun, wenn sie sich selbst etwas davon erhoffen“. HN
Thema: Text-Archiv | Kommentare deaktiviert | Autor: Helge Normann