Beiträge vom April, 2009

Günter Grass in Travemünde

Donnerstag, 30. April 2009 9:22

Travemünde. Ein Höhepunkt der gemeinsamen Tagung der Fritz Reuter Gesellschaft und der Freudenthal-Gesellschaft in Travemünde war die Lesung von Günter Grass, der vor gut 300 Zuhörern in der Travemünder Ostsee-Akademie aus dem „Butt“ und anderen Werken las. Vor der Lesung zog sich Grass, Nobelpreisträger für Literatur und einer der wichtigsten deutschsprachigen Autoren unserer Zeit, auf ein Pfeifchen in den Innenhof der Akademie zurück. Gelegenheit für ein kurzes Interview:

Günter Grass kam für eine Lesung nach Travemünde.

Günter Grass kam für eine Lesung nach Travemünde.

Frage: Herr Grass, Ihr Publikum hier, die gehen ja alle gefährlich auf die 70 zu. Wo sind die Literatur-Groupies?

Günter Grass: Ich bin 81, das sind alles Jünglinge für mich.

Frage: Wir kennen ja alle das Buch Thomas Mann und Travemünde. Was ist eigentlich mit Günter Grass und Travemünde, haben Sie da auch so eine Beziehung irgendwie?

Günter Grass: Ja, ich bin hier ein, zweimal gewesen. Ich kann nicht sagen, dass ich eine direkte Beziehung habe. Ich habe eine direkte Beziehung zur Ostsee, das auf jeden Fall. Und was das Publikum betrifft, wissen Sie, auch sonst auf Lesungen sind alle drei Generationen im Saal, und warum nicht mal eine Lesung auch mit älteren Leuten?

Frage: Kann man ja gerne mal mache. Aber sonst mit Travemünde nicht irgendwelche Urlaubs-Erinnerungen?

Günter Grass: Nein, nicht unbedingt.

Frage: Wo machen Sie denn Urlaub, auf Gran Canaria?

Günter Grass: In Dänemark im Sommer. Und dann sind wir oft in Portugal. Aber ich bin eigentlich kein Urlaub-Macher, ich ziehe mich dahin zurück und schreibe. Da ist überhaupt keine Störung dann da.

Frage: Träumt man denn noch so vom großen Literarischen Wurf im höheren Alter?

Günter Grass: Bitte?

Wospi: Träumt man denn noch mal so von dem großen Buch der Bücher, das man dann schreibt?

Günter Grass: Immer, immer. Das ist jedes Mal ein neuer Sprung ins kalte Wasser und das weiße Blatt ist immer erschreckend weiß. Man muss alles vergessen, was man vorher gemacht hat und sich ganz auf das konzentrieren, was man tut. Und all das abstauben, was so an öffentlichem Lärm um einen herum ist gelegentlich. Und das gelingt mir noch.

Frage: Also das öffentliche Interesse ist immer noch da?

Günter Grass:
Aber sicher. Es gibt ja Anlässe genug.

Frage: Wie ist es mit Lübeck, sind Sie zufrieden mit ihrem Haus?

Günter Grass: Das finde ich sehr gut, das ist in guten Händen und der Herr Thomsa, der das jetzt betreut, der macht das ausgezeichnet und holt auch viele junge Leute, auch Schüler ins Haus hinein und arbeitet mit denen und macht mit denen so Workshops, wie es auf neudeutsch heißt. Doch, das ist in guten Händen.

Frage: Die jüngeren Autoren, die machen ja Lesungen um bekannt zu werden, Sie müssen das ja sicherlich nicht mehr, was ist ihre Motivation?

Günter Grass: Ich lese aus Lust. Ich hab das immer gerne gemacht, vor Publikum lesen. Und jetzt zum Beispiel dieses Tagebuch, das ich kürzlich veröffentlicht hab, vom Jahr 1990, das reizt mich natürlich, wenn man sieht, was aus der Deutschen Einheit geworden ist, 20 Jahre danach. Das Land von der Mentalität her nach wie vor geteilt. Die soziale Spaltung ist da. Und ich habe damals, vor zwanzig Jahren, vor einer überstürzten Einheit, vor diesem Ausverkauf über die Treuhand gewarnt. Und das lese ich gerne aus dem Tagebuch vor. Allerdings war ich sehr oft in Ostdeutschland. Und da hört das Publikum wieder ganz anders zu als im Westen. Der Unterschied ist deutlich zu merken bei Lesungen.

Frage: Ach, merkt man das wenn die so langsam wegdriften?

Günter Grass: Nein, die gucken nicht weg. Sagen wir mal, in Westdeutschland ist es so: Wollen wir mal sehen, was er uns heut zu bieten hat, ob da eine art Sensation dabei ist. Und im Osten, die sind es, vor allen Dingen in der mittleren Generation und der älteren ohnehin, aus der Zeit der Diktatur her gewohnt, auf das was auch zwischen den Zeilen ist, mitzuhören.

Frage: Ich weiß jetzt gar nicht, wie sieht so ein Nobelpreis eigentlich aus, steht der auf dem Kaminsims bei Ihnen?

Günter Grass: Nein, nein (lacht). Da gibt’s eine Urkunde, und die liegt bei mir im Archiv und das hab ich längst abgehakt. Und gelegentlich werde ich wie in diesem Fall daran erinnert, dass ich ihn bekommen habe.

Vielen Dank!

ENDE

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