Beiträge vom Februar, 2009

Der Schrecken der Fischer

Freitag, 27. Februar 2009 19:01

Ostsee. Dass Fischer Gerd Vollbrecht im letzten Sommer öfter mal Netze flicken durfte, verdankt er einem alten Einwanderer aus China: Der „Wollhandkrabbe“. Die Tiere sind um 1910 in der Nordsee aufgetaucht, vermutlich von Handelschiffen eingeschleppt. In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts, als Fischfang noch eine viel größere Bedeutung hatte als heute, wurden sie zur richtigen Plage. Dann ging die Zahl auf einmal zurück. Jetzt ist er wieder da, der Schrecken der Fischer. Die Tiere verhakeln sich in den netzen, fressen die Maschen kaputt oder knabbern dem Butt die Flossen ab.

Fischer Gerd Vollbrecht vom Kutter „Jan“ zeigt, wie groß die behaarten Wollhandkrabben werden, die ihm immer öfter in die Netze gehen. Foto: HELGE NORMANN

Fischer Gerd Vollbrecht vom Kutter „Jan“ zeigt, wie groß die behaarten Wollhandkrabben werden, die ihm immer öfter in die Netze gehen. Foto: HELGE NORMANN

Auch für Fischer Bernd Kühn aus dem Travemünder Fischereihafen ist die Krabbe in den letzten Jahren zu einem großen Problem geworden., frisst viel vom Fang kaputt. Bei Rüdiger Krüger, 1. Vorsitzender des Vereines Niendorfer Fischer, kniffen sie die Aalreusen kaputt. Letzen Sommer hat er besonders viele Wollhandkrabben gesehen. Sein zweiter Vorsitzender Gustav Lender meint auch, dass die Tiere ordentlich zugenommen haben. Hauptsächlich im Brackwasser, wo die Flüsse in die Ostsee münden, hat er sie im Netz. Mit dicken Handschuhen muss er die Krabben dann rauspflücken.

Dass die Wollhandkrabbe nicht nur in Flüssen, sondern zunehmend auch in der Ostsee auftaucht, ist für den Koblenzer Neozoen-Experten Dr. Stefan Nehring leicht zu erklären: Die Wollhandkrabbe lebt im Süßwasser, pflanzt sich aber im Salzwasser fort. Dazu wandert sie in erstaunlicher Geschwindigkeit die Flüsse rauf, normalerweise Richtung Cuxhaven. Drei Jahre bleiben die Jungtiere im Mündungsbereich der Elbe, wandern dann in die Flüsse zurück. „Der Salzgehalt in Cuxhaven ist kein großer Unterschied zur Ostsee“, erklärt Dr. Stefan Nehring. Die Wollhandkrabbe hält sich immer im Uferbereich auf, wenn die Fortpflanzung ansteht. Dass sie Süß- und Salzwasser abkann, was keine einheimische Art schafft, verhilft ihr zu einem einzigartigen Vorteil in der Natur. Die tiefen Bereiche der Ostsee wird sie nach Meinung des Koblenzer Experten wohl nie besiedeln, aber sie wird die Küste entlang wandern Richtung Polen, wo sie früher schon mal war.

Angriffslustig zeigt die Wollhandkrabbe ihre Scheren. Die eingewanderte Art ist aggressiver als die einheimischen Krabben. Foto: HELGE NORMANN

Angriffslustig zeigt die Wollhandkrabbe ihre Scheren. Die eingewanderte Art ist aggressiver als die einheimischen Krabben. Foto: HELGE NORMANN

Dabei richtet das Tier nicht nur Schäden bei den Fischern an, sondern auch bei den Uferbefestigungen, wo sie Löcher buddelt. Die Deiche sind zwar nicht bedroht, aber es kostet Geld, wenn auf kleiner Fläche plötzlich viele Löcher entstehen und gestopft werden müssen.

Fischer Gerd Vollbrecht aus Travemünde hat in langen Berufsjahren beobachtet, dass es im Sommer nicht so viele Wollhandkrabben gab, wenn mal ein richtiger Eiswinter war. Den Sieg über die Wollhandkrabben vor 80 Jahren verdanken wir vermutlich aber der Umweltverschmutzung: Mit zunehmender Industrialisierung ging die Zahl der Krabben zurück. Erst als die Flüsse sauberer wurden, kehrten sie in großer Zahl zurück. Für einen Zusammenhang mit der Gewässerqualität spricht auch, dass die Wollhandkrabbe jetzt in ihrer Heimat China, wo die Umweltverschmutzung zunimmt, seltner wird. Erste Flussfischer aus Deutschland verkaufen die Tiere schon nach Asien. Europäern ist das Auspulen der Krabbe, die wenig Fleisch hat, zu fummelig.

Da die Wollhandkrabben als Einwanderer eine „Ökologische Nische“ besetzen, könnte es gut sein, dass sie sich explosionsartig vermehren: Dr. Nehring: „Das werden höchstwahrscheinlich noch mehr, da scheint sich ein Problem anzubahnen.“ HN

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