Die letzte Wache für Günter: Mit der “Positano” von Niendorf zur Seebestattung auf die Ostsee
Montag, 9. Juni 2008 17:34
Niendorf. “Ja, das war Günter”, sagt einer der Trauergäste und betrachtet das Foto, das hinter der Urne aufgestellt wurde. Günter steht da im kurzärmeligen karierten Hemd, lächelt und winkt in die Kamera. Auf den ausliegenden Trauerkarten steht neben seinem Namen noch eine Funker-Kennung: Der Aachener war Amateurfunker, heiratete eine Schleswig-Holsteinerin. Daher die Entscheidung für eine Seebestattung.
Die Details hat er noch mit seiner Frau besprochen. Die hatte im Internet die 2006 in Dienst gestellte “Positano” entdeckt, mit gut 23 Metern das größte Charterschiff im Niendorfer Hafen. Sie hat ihm, als er schon krank war, die Bilder gezeigt. “Mein Mann hat genau gewusst, was jetzt mit ihm passiert”, sagt sie. Die Aachener haben immer gern am Meer Urlaub gemacht. Beide wollten eine Seebestattung. “Normale Friedhöfe sagten uns nichts.” Die Trauergesellschaft geht in dunkler Kleidung an Bord. Die Passagiere kommen ins Erzählen, manche haben sich lange nicht gesehen. Günter ist schon im November gestorben, man hat schon etwas Abstand. Die meisten sitzen an Deck, es werden Fotos gemacht. Die “Positano” wird knapp anderthalb Stunden unterwegs sein. Hin dauert es etwas länger: Der 1. Offizier Uwe Cordts fährt dann mit gedrosselter Geschwindigkeit, 7 bis 8 Knoten, je nach Wetter.
An der Seebestattungsstelle angekommen, verstummt die dezente Musik aus den Bordlautsprechern. Kapitän Claudia Belis hält noch eine kleine Ansprache, spricht von der “Heimkehr ins Meer”. Dann reicht sie geflochtene Körbe mit Blüten, alle gehen aufs Achterdeck. Die Urne wird am Tau hochgezogen, über die Reling gehievt und langsam ins Wasser gelassen. Schnell ist alles vorbei, schon ist sie versunken. Jetzt kommen doch die Emotionen hoch, Taschentücher werden gezückt. Die Trauergesellschaft streut die Blüten ins Meer. Vier Doppelschläge mit der Schiffsglocke stehen für “Wachablösung”. Die “Positano” dreht eine Ehrenrunde um die Seebestattungsstelle. Dann drei lange Töne mit dem Typhon für den Abschied, die letzte Wache für Günter.
Wieder unter Deck gibt es nun frischen Kaffee und Butterkuchen, wie es in Schleswig-Holstein Tradition ist. Bald ist die “Positano” wieder im Niendorfer Hafen zurück. Ein bisschen stürmischer war es als damals vor zwei Jahren, als Günter noch mit war, zur Bestattung der Schwiegermutter. “Meinem Mann hätte das Schaukeln gut gefallen”, sagt die Witwe und lächelt.
Thema: Text-Archiv | Kommentare deaktiviert | Autor: Helge Normann