Beiträge vom Januar, 2008

Treibgut der Geschichte

Dienstag, 15. Januar 2008 20:09

Pansdorf. Der Vater hat zwei größere Tierknochen dabei, der Sohn kleinere. An den Enden haben sie Löcher in die Knochen gebohrt, durch die sie Sehnen ziehen. Damit lassen sich die Knochen an den Latschen befestigen. Fertig sind die Gleitschuhe: Jetzt sausen beide mit erstaunlicher Geschwindigkeit über den zugefrorenen See, ein Riesenspaß. Die wilde Fahrt hinterlässt deutliche Schleifspuren auf den Knochen-Kufen. 1000 Jahre später hält Annemarie Besler (67) die Gleitschuh-Knochen in Händen und fragt sich, wie deren Besitzer wohl ausgesehen haben. Die Knochen sind einer ihrer größeren “Schätze”. Von solchem Treibgut der Geschichte hat sie noch mehr. Viel mehr.

Tierknochen mit 2 Löchern drin: Annemarie Besler (67) zeigt die Kufen für Gleitschuhe aus dem Mittelalter.

Tierknochen mit 2 Löchern drin: Annemarie Besler (67) zeigt die Kufen für Gleitschuhe aus dem Mittelalter.

Wie die Pansdorfer Gleitschuh-Knochen ihren Weg aus dem Mittelalter ins 21. Jahrhundert gefunden haben, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Der Vorbesitzer war verstorben, die Witwe wollte die Knochen nicht mehr auf dem Dachboden haben. Und schenkte sie Annemarie Besler. Die hat schon mit fünf Jahren angefangen, Sachen zu sammeln. “Es wird irgendwann eine Sucht, man kann nicht mehr anders”, sagt sie.

Schlittschuhe aus dem Mittelalter.

Schlittschuhe aus dem Mittelalter.

Das besondere bei der Pansdorferin ist das breite Sammelgebiet: Annemarie Besler hat Steinzeitwerkzeug in der Küche und Urnenscherben im Schlafzimmer. Sie sammelt alte Bügeleisen, altes Porzellan, altes Silber, alte Waffen und Orden, alte Poesiealben, alte Brillen und alte Reisesouvenirs der Ostseeküste von Kiel bis Ostpreußen. Auf Wanderungen an der Küste findet sie versteinerte Seeigel und manchmal Hühnergötter. Das sind Steine mit einem Loch drin, Bauern haben die früher an die Haustür gehängt, zum Schutz, erklärte Annemarie Besler. In einer Frischhaltedose aus Plastik hat sie tönerne Murmeln aus dem Mittelalter und einige Zähne. Murmeln haben die Menschen schon immer gespielt, meint sie. Und bei den Zähnen, da stellt sie sich vor, wem die Zähne gehören, wie der Besitzer wohl aussah und wie er gesprochen hat.

Ihre Sammlung beherrscht alle Räume in dem Pansdorfer Haus, in dem Annemarie Besler geboren ist. Die Sachen müssen immer greifbar sein. Sie nimmt eine Scherbe in die Hand, die schon vor 1000 Jahren ein Mensch in der Hand gehabt hat. Unter welchen Mühen er das Gefäß wohl hergestellt hat, und wie genau hat er das gemacht?

Annemarie Besler kann zwei Stunden am Telefon mit einem Fremden über Römer sprechen. “Jedes Museum besuch ich”, sagt sie. “Im Dorfmuseum Ratekau bin ich mit Leib und Seele”. Und sie stellt Museen und Archiven ihre Stücke zur Verfügung, tauscht sich mit anderen Hobby-Historikern und Archäologen aus. Nur in diesen Kreisen sind Sätze vorstellbar wie: “Ein Bekannter, der hat so ein Glück gehabt, der hat auf seinem Grundstück ein Grab gefunden, kurz vor Weihnachten”. Vor alten Gräbern Annemarie Besler keine Scheu. Die Toten würden immer lächeln. Und Gräber weisen den Weg zu Fundstellen: “Wo Gräber sind, müssen auch mal Menschen gelebt und gearbeitet haben”, sagt sie.

Auf frisch umgepflügten Feldern lässt sich dann schon mal ein Steinzeit-Beil finden. Wenn man das als solches erkennt. “Man kriegt einen Blick dafür”, sagt die Sammlerin. Und wenn es nur der halbkreisförmige Abdruck auf einem Stein ist, der zeigt, dass darauf eine 4000 Jahre alte Urne gestanden haben muss. Annemarie Besler öffnet eine kleine Plastikdose, in der sonst unbelichtete Filme aufbewahrt werden. Sie streut etwas grauen Staub auf ihre Hand: “Das war einmal ein Mensch”, sagt sie. Ein Steinzeit-Mensch.

Zumindest einen alten Knopf oder eine Scherbe findet sie immer. “Gold werde ich wohl nicht finden, das war eine arme Bevölkerung”, sagt sie über die Ratekauer längst vergangener Epochen.

Die Pansdorferin durchstöbert Äcker und Flohmärkte, bekommt viel geschenkt, weil sich die Passion herumgesprochen hat. “Sperrmüll find ich auch ganz was tolles”, sagt sie. Kurz vor Weihnachten lag da ein Schwert an einem Pansdorfer Müllcontainer. Das will sie der Heimatstube geben. Sie wüsste aber gern, wo das herkommt und wie alt es ist. Vielleicht meldet sich der frühere Besitzer ja, hofft sie.

Ihr Wissen über die Geschichte der Gegend hat Annemarie Besler schon zu einem Buch verarbeitet, eine Chronik über Pansdorf, ihr “liebstes Hobby”. Weit über 1000 Stück hat sie schon verkauft, bis nach Australien und Kanada, nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda. “Ich freu mich darüber, dass die Leute sich darüber freuen”, sagt sie. Zu verdienen ist an solchen Kleinstauflagen nichts, das ist reine Leidenschaft. Deshalb sucht sie auch einen Sponsor für ihr nächstes Buch, die Rohlsdorf-Chronik. “Wenn ich jetzt einen Sponsor finden würde, könnte ich das sofort machen”. Langeweile kennt so ein Leben nicht.

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